Motto:

„Kunst: nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet.“ 

―Karl Marx

 

Probleme + Fragen

Diese Seite der Website enthält in Form einer kommentierten Liste erste Anhaltspunkte zum Thema. Ich gebe zudem Hinweise auf spezielle Werkzeuge des Programms, das dieser Website beigegeben ist.

Choralanalyse und mündliche Tradition. Was ist die Frage?

Die Frage nach "mündlicher Tradition" im Choral wurde von Leo Treitler in zwei Aufsätzen (1974, 1975) aufgeworfen. Ich fühle mich durch die Fragestellung mehrfach angeregt, obgleich ich nicht von allen Folgerungen, die sich für Treitler ergeben, überzeugt bin. An Problemstellungen, die mich nach wie vor interessieren, möchte ich zwei nennen.

1. Man ist ganz allgemein der Ansicht, dass die Corpora, die wir zusammenfassend "Choral" nennen und die sich in ganz verschiedene Dialekte einteilen lassen, in den Anfängen für eine unbestimmte Zeit nur mündlich überliefert waren. Wird für spätere Zeit auf den Einsatz von Schriftmitteln rekurriert, geht es um Zeugnisse, die den rein schriftlichen Transport garantieren. Aber auch dann, wenn die mit "Schrift" verbundenen Fragen einfach mal weggelassen werden, ergeben sich Schwierigkeiten. Denn wenn man annimmt, dass die Überlieferung des Chorals mit der Zeit – irgendwann, irgendwie – schriftlich gesichert wurde, ist nicht anzunehmen, dass eine Redaktion stattgefunden hat, in der sämtliche Mittel einer mündlichen Tradition als überflüssig erfasst/aufgefasst und darum getilgt wurden. Es fragt sich daher, welche melodischen Aspekte des Chorals auch im "geschriebenen Choral" auf die mündliche Überlieferung zurückweisen.

2. Falls diese Aufsicht sinnvoll ist, fragt es sich, wie solche Aspekte gefunden werden können. Einen Hinweis gibt der Germanist Franz Bäuml (1979). Er stellt fest, dass mündlich tradierende Sänger stofflich und nicht wortwörtlich tradieren, da Wortwörtlichkeit – das Objekt A wird "Wort für Wort" kopiert, wodurch B als "genaue" Kopie von A entsteht – nur dann möglich ist, wenn ein Tradent lesen und schreiben kann. Wird diese Sicht auf musikwissenschaftliche Sachverhalte angewendet, können Beispiele für beide Fälle gefunden werden (ChantDigger). Wortwörtlich gleich ist das Segment (die Silbenstrecke) 2508 im folgenden Beispiel:

 Wortwoertlich

Angeregt durch ein Beispiel Treitlers würde ich den folgenden Fall der stofflichen Überlieferung zuordnen, mit dem Argument, dass die Segmente 5477, 5581, 5587, 5831, 6110 und 6172 die gleiche Funktion erfüllen, aber nicht wortwörtlich gleich sind:

 Stofflich

Die den altrömischen Propriumsgesängen entnommenen Beispiele gehören demnach zur Vermutung, dass in einem Repertoire eine Art Redaktion des stofflich Gleichen zum wortwörtlich Gleichen nachweisbar ist: der Schreiber (ist es der Schreiber?) der Hs. Vat 5319 hat verschiedene Segmente zum Segment 2508 zurechtredigiert.

Solche Fälle stofflicher Gleichheit lassen sich mit der VKN-Überlegung finden. Die Segmente 5477, 5581, 5587, 5831, 6110 und 6172 bilden die Brücke _K_ im Fall V_N zwischen de Segmenten 1_949. Es ist selbstverständlich, dass die Umkehrung nicht gilt: nicht alle möglichen Brücken zwischen den möglichen V_N können im Sinne einer stofflichen Gleichheit verstanden werden.

3. Was für einen Sinn hat die Beschäftigung mit mündlicher Überlieferung? Mein Interesse an der Frage ist mehrfach begründet. Erstens hat Treitler – und das ist der Wert seiner Hinweise – darauf hingewiesen, dass das (in sich unklare) Faktum von Schriftlichkeit noch keine Antwort auf die Frage ist, wie überliefert wurde. Zweitens hat die Musikgeschichte als Teil der Musikwissenschaft immer wieder Schwierigkeiten, sich als historische Teildisziplin zu behaupten. Denn Musikgeschichten sind oft genug nur Sammlungen von Befunden, die ganz unterschiedliche Phänomene gruppieren und organisieren. Das hat aber mit Geschichte noch nichts zu tun! Eine Thematik wie "mündliche Tradition" ist eine Klammer zwischen allen textbezogenen historischen Disziplinen – von der neutestamentlichen Wissenschaft über die Akkadistik bis zur Germanistik.Anm.0 Für die Musikwissenschaft ergibt sich damit die Gelegenheit, bislang wenig gesichtete Stoffe in einer anerkannten Fragestellung vorzuführen. Und drittens ist in den Neurowissenschaften bekannt, dass das Gedächtnis Inhalte nicht speichert, sondern aufgrund unterschiedlicher Faktoren immer wieder Inhalte erzeugt. Es fragt sich, wie weit die Musikwissenschaft auch hier im interdisziplinären Chor eine Stimme bekommt.

Corpusanalyse

Carl Dahlhaus schrieb einmal von der "Entwicklung der Musik als Ursprungsgeschichte des autonomen, individuellen, unwiederholbaren, in sich selbst begründeten und um seiner selbst willen existierenden Kunstwerks".Anm.1 Transponiert man den Satz um einige Oktaven nach unten in die Alltagssprache, dann meint er: was wir können (da wir es erlernt haben), ist die Analyse von Stücken (emphatisch: von Werken). Wir wissen aber nicht, wie wir Corpora analysieren sollen. Das meint: auf der Ebene des Umgangs mit Sprache sind wir wohl in der Lage, ein Mörike- oder ein Celan-Gedicht zu interpretieren. Das setzt voraus, dass wir Deutsch können. Was nach Seiten der Allgemeinheit müssten wir können, um ein "Werk" zu analysieren? Denn wenn immer wir "Musik" als Sprache auffassen, von Repertoire, von Stil etc. reden, meinen wir, dass die "Werke" untereinander "irgendwie" verbunden sind. Was ist das Gemeinsame? Wie finden wir es?

Der Begriff der Corpusanalyse stammt aus der Sprachwissenschaft. Er besagt, dass man ein Corpus von einer Menge von Sätzen bildet. Das Corpus ist ausreichend gross, wenn weitere Sätze die Befunde nicht ändern. Damit versucht man dem Problem der Induktion beizukommen, das sich etwa dann stellt, wenn man eine Grammatik des Deutschen schreiben will. Welche Daten sind repräsentativ für "deutsch"?

Nun ist eine Corpus-Analyse nicht einfach zu realisieren als Alternative zu herkömmlichen Analysen. Es geht darum, Massen an Daten zu durchdringen, wozu wir weder ausgebildet sind noch wissen, welchen Vorbildern wir folgen wollen. Ohne eine Lösung präsentieren zu können, möchte ich einige Problemstellen und Schwierigkeiten vorstellen.

 

Melodiemodelle

Sie ergeben sich aus dem Interesse an den Frühstadien des Chorals – sei er nun gregorianisch, altrömisch oder mailändisch. Man stösst dabei auf ein Problem, das seit Jahrzehnten wenig diskutiert wird. Indirekt lässt es sich aus einer Passage aus einem Aufsatz von Jacques Handschin (1943:22) herauslesen:

Im ganzen erscheint mir auch heute noch die seit einiger Zeit so beliebte Ableitung der Welt der Kirchentöne aus dem musikalisch »Irrationalen« als Fehlgriff oder mindestens als Übertreibung, die Annahme, dass die Kirchensänger der ersten Jahrhunderte ausserhalb der musikalischen Bildung ihrer Zeit standen, — als unhistorisch, das Zurückgreifen auf den Begriff des »Melodiemodells« — als Verschieben der Frage auf das falsche Geleise, insofern man nämlich annimmt, jene Melodiemodelle seien etwas Aussermodales oder »Vormodales« gewesen (Verkörperung eines melodischen Dranges »an sich«), schliesslich der Hinweis auf den undiastematischen, oder ungenau diastematischen Charakter der Neumen — als kindlich, sofern man nämlich hieraus auf ein ursprünglich unmodales Singen schliessen will. Es ist mir geradezu unfasslich, dass ein innerhalb seines Spezialgebiets (die heutige orientalische Musik) so gewissenhafter Forscher wie der uns zu früh entrissene Robert Lachmann sich in solchen Gedankengängen bewegen konnte (ich meine speziell seine Abhandlung »Musiksysteme und Musikauffassungen« in der »Zs. für vergl. Musikw.« III, 1935). Gerade jene Eigenschaft der Neumen setzt die genaue Kenntnis des Kirchentons durch die Sänger voraus; denn wozu dienten sonst die Tonarte<n>? man mache doch den praktischen Versuch und betrachte eine Antiphonen-Neumierung erst ohne, dann mit der Kenntnis der Tonart! Und nehmen wir dies für einen Augenblick als gegeben an, nämlich die Korrelation von Neumen und Kirchentonsystem: dann wird uns das, was neuerdings inbezug auf die Neumen immer wahrscheinlicher wird, nämlich dass sie in die Spätantike zurückreichen, zugleich zu einem Anhaltspunkt für das Alter des Kirchentonsystems (zur ältesten Neumengeschichte sehe man H. Angles im Archiv für Musikf. III 333 f., usw.; der Ausspruch des Augustin-Schülers Quodvultdeus — dessen Zuweisung an Prosper schon lange vor Morin zweifelhaft war — ist übrigens schon mehrfach herangezogen worden, so von J. Combarieu, Etudes de philol. musicale, 1898, 23, und A. Gastoue, Origines .. ., 1907, 161 f.).

Lachmann (1935:1) beginnt seinen Aufsatz, der Handschin solche Beschwerden verursachte, mit dem Satz: "Aussereuropäische Musik wird ohne das Mittel der Schrift überliefert; ihre Untersuchung erfordert daher andere Methoden als die der abendländischen Kunstmusik." Er beschäftigt sich also mit einem Problem, das Handschin eher fremd war, und das heute nach den grundlegenden Untersuchungen von Leo Treitler wieder im Fach aufgenommen wird – wenigstens gelegentlich. Wichtig ist der Begriff "Melodiemodell", da etwa im Bereich der syrischen Hymnodie lange vor dem Einsatz von Aufzeichnungsweisen grössere Corpora als reine Texte überliefert wurden. Man notierte dabei mit einem Stichwort den Namen des Modells. Sebastian Brock (1985) hat in dieser Angelegenheit das Nötige aufgeschrieben.

Will man die Frühgeschichte des Chorals untersuchen, kann man erwägen, nach Melodiemodellen Ausschau zu halten, zumal in einem berühmten Fall – das Gradualemodell Justus ut palma – ja eine bemerkenswerte Vorarbeit geleistet wurde.Anm.2 Es geht darum, Arbeitshypothesen für eine entsprechende Untersuchung zu etablieren, diese zu testen und, wenn nötig, weiter zu entwickeln oder zu verwerfen. Welche Ansätze lassen sich prüfen?

 

Isosyllabik im Choral ?

Melodiemodelle (oder Modellmelodien) gehören traditionell zur syrischen und zur byzantinischen Hymnodie. Für diese gilt als Teil des Modells auch die Regularität der Isosyllabik: vergleichbare, also voneinander abhängige, da dem Modell folgende Hymnenstrophen haben eine gleiche Silbenzahl. Könnte es sein, so die Frage, dass in den Choralrepertoires Gesänge einander unter dem Gesichtspunkt der Silbenzahl angeglichen werden? Wäre es möglich, dass die nachstehend wiedergegebene Liste – sie umfasst Gesänge aus dem gregorianischen Messrepertoire mit jeweils 24 Silben – sich einer bestimmten Organisation verdankt?

  • A summo caelo GR GradualeR GrTr 27
    A summo caelo egressio eius: et occursus eius usque ad summum eius.
  • Ab occultis meis GR GradualeR GrTr 101
  • Ab occultis meis munda me Domine: et ab alienis parce servo tuo.
  • Ab occultis meis GR Communio GrTr 113
  • Ab occultis meis munda me, Domine: et ab alienis parce servo tuo.
  • Ad te clamaverunt GR TractusV GrN 169
  • Ad te clamaverunt, et salvi facti sunt: in te speraverunt et non sunt confusi.
  • Angelis suis GR GradualeR GrTr 72
  • Angelis suis mandavit de te, ut custodiant te in omnibus viis tuis.
  • Ascendit deus GR Offertorium GrTr 237
  • Ascendit Deus in iubilatione, Dominus in voce tubae, alleluia.
  • Audivit dominus GR Introitus GrTr 68
  • Audivit Dominus, et misertus est mihi: Dominus factus est adiutor meus.
  • Beatus vir GR AlleluiaV GrTr 511
  • Alleluia. V.Beatus vir, qui timet Dominum: in mandatis eius cupit nimis.
  • Benedictus es domine GR GradualeR GrTr 372
  • Benedictus es, Domine, qui intueris abyssos, et sedes super Cherubim.
  • Confessionem et decorem GR OffertoriumV OffTr 78
  • Confessionem et decorem induisti: amictus lumen sicut vestimentum
  • Deus exaudi GR GradualeR GrTr 107
  • Deus exaudi orationem meam: auribus percipe verba oris mei.
  • Deus meus pone GR GradualeV GrTr 89
  • Deus meus, pone illos ut rotam, et sicut stipulam ante faciem venti.
  • Dirigatur oratio mea GR GradualeR GrTr 340
  • Dirigatur oratio mea sicut incensum in conspectu tuo, Domine.
  • Dispersit dedit GR GradualeR GrTr 520
  • Dispersit, dedit pauperibus: iustitia eius manet in saeculum seculi.
  • Domine refugium GR GradualeR GrTr 347
  • Domine, refugium factus es nobis, a generatione et progenie.
  • Domine refugium GR OffertoriumV OffTr 175
  • Domine, refugium factus es nobis a generatione et progenie
  • Haec dies GR AlleluiaV GrTr 214
  • Alleluia. V.Haec dies, quam fecit Dominus: exsultemus, et laetemur in ea.
  • Introibo ad altare GR Communio GrTr 274
  • Introibo ad altare Dei, ad Deum qui laetificat iuventutem meam.
  • Inveni David GR AlleluiaV GrTr 446
  • Alleluia. V.Inveni David servum meum: oleo sancto meo unxi eum.
  • Ipse super maria GR OffertoriumV OffTr 15
  • Ipse super maria fundavit eum et super flumina praeparavit eum
  • Ita oculi nostri GR TractusV GrTr 98
  • Ita oculi nostri ad Dominum Deum nostrum, donec misereatur nobis.
  • Iusti epulentur GR Introitus GrTr 450
  • Iusti epulentur, exsultent in conspectu Dei: delectentur in laetitia.
  • Iustus ut palma GR Offertorium GrTr 497
  • Iustus ut palma florebit: sicut cedrus, quae in Libano est, multiplicabitur.
  • Laetentur caeli GR Offertorium GrTr 44
  • Laetentur caeli, et exsultet terra ante faciem Domini: quoniam venit.
  • Operuisti omnia GR OffertoriumV OffTr 8
  • Operuisti omnia peccata eorum: mitigasti omnem iram tuam
  • Posuisti domine GR GradualeR GrTr 477
  • Posuisti, Domine, super caput eius coronam de lapidem pretioso.
  • Posuisti domine GR Communio GrTr 483
  • Posuisti Domine in capite eius coronam de lapide pretioso.
  • Potens in terra GR TractusV GrTr 481
  • Potens in terra erit semen eius: generatio rectorum benedicetur.
  • Quoniam deus magnus GR AlleluiaV GrTr 327
  • Alleluia. V.Quoniam Deus magnus Dominus, et Rex magnus super omnem terram.
  • Requiem aeternam GR Introitus GrTr 669
  • Requiem aeternam dona eis Domine: et lux perpetua luceat eis.
  • Requiem aeternam GR GradualeR GrTr 670
  • Requiem aeternam dona eis Domine: et lux perpetua luceat eis.
  • Surrexit dominus de sepulchro GR AlleluiaV GrTr 203
  • Alleluia. V.Surrexit Dominus de sepulcro, qui pro noibis pependit in ligno.
  • Timebunt gentes GR GradualeR GrTr 265
  • Timebunt gentes nomen tuum, Domine, et omnes reges terrae gloriam tuam.
  • Unam petii GR GradualeR GrTr 358
  • Unam petii a Domino, hanc requiram, ut inhabitem in domo Domini.

Die Frage lässt sich, wie ich glaube, präzisieren. Es ist bekannt, dass die biblischen Texte des Repertoires nicht immer wörtlich übernommen wurden. Heinrich Rumphorst hat bei seinen Untersuchungen zu begrenztem Material des Gregorianischen folgende Möglichkeiten der Versionsbildung gefundenAnm.3:

1. Form 1 (F 1): Wörtliche Vulgatafolge: Der Text der Antiphon besteht aus ganzen bzw. sich aneinander anschließenden Ganz- und Halbversen und stimmt mit dem Text der Vulgata wörtlich und ohne Auslassung überein.

2. Form 2 (F 2): Der Gesangstext ist ein der Vulgata entnommener zusammenhängender Text mit einzelnen Änderungen. Diese Änderungen können sein: 1:  Zusatz von Einzelwörtern, 2:  Auslassung von einzelnen (wenigen) Wörtern, 3:  Umstellung einer kurzen Wortfolge der Vulgata im Gesangstext, 4:  weitere Textunterschiede, andere Wortwahl. ... – 3. Folgecento 1: Der Text der Antiphon ist Psalmversen eines einzigen Psalms ent- nommen, die unmittelbar aufeinander folgen, innerhalb derer aber ein oder mehrere Versteile entfallen sind.

4. Folgecento 2: Die Antiphon besteht aus Versen oder Versabschnitten eines einzigen Psalms, die nicht unmittelbar aufeinanderfolgen.

Es fragt sich natürlich, worauf solche Versionsbildungen beruhen. In jedem Fall lassen sich mit diesen Techniken Texte erzeugen, die nun dank Einschüben in der Silbenzahl mit anderen übereinstimmen. Falls man die Frage prüfen will, fragt sich, wie das geschehen soll. Denn der mehr als dreissig Einheiten umfassende Ausschnitt von 24silbigen Texten ist nur ein beliebig gewähltes Beispiel. Es geht tatsächlich um Massen an Materialien.

Man kann sich vorstellen, dass eine synoptische Darstellung möglich ist. Nachstehend ein sehr kleiner Ausschnitt – nach wie vor des Spezialfalls der 24silbler –, wobei den Silben die Ordnungszahl der Silbenstrecke beigegeben ist.Anm.4 Anschaulichkeit will sich auch hier nicht einstellen!

 GleicheSilbenzahl

 

Wir verbessern die Darstellung, indem wir alle mehrfach vorkommenden Strecken mit roten Linien verbinden; Abzweigungen sind durch kleine schwarze Quadrate gekennzeichnet.

 

 GleicheSilbZRel

Es fragt sich, wie solche Information nutzbringend darzustellen ist. Der kleine Ausschnitt bringt nichts; denn zur Orientierung benötigt man die Synopse aller Vorkommen. Das kann so aussehen:

 

 GleicheSilbZahlBild

Das sieht besser aus, lässt sich aber wohl nicht auf allen Geräten ausreichend vergrössern und ist als Kleinstausschnitt aus der Datenlage nicht zu interpretieren.

 

Modalität: die Sache mit den Achsen

Wenden wir uns zum Abschluss dieser knappen Übersicht über Unklarheiten einem weiteren unklaren Aspekt zu. Wir sind es gewohnt, Melodien modal zu gruppieren. Falls es so sein sollte, dass die früheste Organisation nicht modalen Ordnungen, sondern Melodiemodellen geschuldet ist, fragt sich, wie wir die Modalität auffassen. Nachstehend mag ein kleiner, beliebig gewählter Ausschnitt eine Schwierigkeit anzeigen. Es wird davon ausgegangen, dass mit Modalität bestimmte Achsen gegeben sind. Das meint, dass es neben dem Tenor (der repercussa) immer noch einen weiteren sehr häufigen Ton gibt. Die beiden Achsentönen organisieren die auditive Orientierung. Sind diese Achsen tatsächlich ein durchgehendes Phänomen oder organisieren sie sich ausschnittsweise? Das sei verdeutlicht, wobei jede Farbe eine mögliche Achse verdeutlicht:

 Achsen

 

Die Farben signalisieren die denkbaren/möglichen Achsen im Corpus:

 AchsenLegende

Es bleibt die Frage: wie machen wir eine Corpusanalyse?

Anm. 0: Es scheint mir, dass es in den letzten Jahren Symptome für ein stärkeres Interesse in der Musikwissenschaft an Historiographie gibt. Ich zähle drei Symptome auf: Dörte Schmidt hat kürzlich zusammen mit Thomas Christensen im Wissenschaftskolleg zu Berlin ein Symposium veranstaltet zur Frage, wie Musiktheorie institutionsgeschichtlich erfasst werden kann. Zudem galt die letzte Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Musikforschung dem Thema Historiographie in der Musikwissenschaft. Und schliesslich hat sich Signe Rotter-Bomann in ihrer Habilitationsschrift extensiv damit beschäftigt, was passiert, wenn analytische Parameter historisch untersucht werden – Signe Rotter-Broman, Komponieren in Italien um 1400. Studien zu dreistimmig überlieferten Liedsätzen von Andrea und Paolo da Firenze, Bartolino da Padova, Antonio Zacara da Teramo und Johannes Ciconia, Hildesheim 2012 (mit metahistorischen Untersuchungen unter dem Titel "Geschichtsbild und Analyse" S. 334-431).

Anm. 1: Carl Dahlhaus, Grundlagen der Musikgeschichte, Köln 1977, 23/24 (Musik-Taschenbücher 268).

Anm. 2: Man vergleiche Bernard Ribay, "Les graduels en IIA", EG 22 (1988), 43-107, und Grégoire Suñol, Introduction à la paléographie musicale grégorienne, Paris etc. 1935, Tafel F (synoptische Darstellung des Melodiematerials).

Anm. 3: Heinrich Rumphorst, "Gesangstext und Textquelle im Gregorianischen Choral II", Beiträge zur Gregorianik 23 (1997), 30.

Anm. 4: Mit Silbenstrecken ist das Segment gemeint, das aus den einer einzelnen Silbe zugeordneten Tönen besteht – entwickelt in Haas (1997). – Ich habe diese Beispiele in anderer Weise programmiert als das Programm ChantDigger. Da ich nicht überzeugt bin vom Zugang, habe ich vorläufig darauf verzichtet, diese Aspekte in den ChantDigger einzubringen.

 

Bibliographie:

  • Bäuml, Franz H. (1979): “Der Übergang muündlicher zur artes-bestimmten Literatur des Mittelalters”, in: Norbert Voorwinden, Max de Haan (Hrsg.), Oral Poetry. Das Problem der Mündlichkeit mittelalterlicher epischer Dichtung, Darmstadt 1979, 238–250 (Wege der Forschung 555); orig. in: G. Keil, R. Rudolf, W. Schmitt, H.J. Vermeer (Hrsg.), Fachliteratur des Mittelalters. Festschrift für Gerhard Eis, Stuttgart 1968, 1–10.
  • Brock, Sebastian P. (1985): “Syriac and Greek Hymnography: Problems of Origin”, in: Elizabeth A. Livingstone (ed.), Papers Presented to the Seventh International Conference on Patristic Studies Held in Oxford 1975 II: Monastica et Ascetica, Orientalia, E Saeculo Secundo, Origen, Athanasius, Cappadocian Fathers, Chrysostom, Augustine, Berlin 1985, 77–81 (Studia Patristica 16.2).
  • Haas, Max (1997): Mündliche Überlieferung und altrömischer Choral. Historische und analytische computergestützte Untersuchungen, Bern 1997.
  • – (2005): Musikalisches Denken im Mittelalter. Eine Einführung, Bern etc. 2005.
  • Handschin, Jacques (1943): "Aus der alten Musiktheorie", AMl 15 (1943), 2-23, 93-94.
  • Lachmann, Robert (1935): "Musiksysteme und Musikauffassung", Zeitschrift für vergleichende Musikwissenschaft 3 (1935), 1-23.
  • Treitler, Leo (1974): “Homer and Gregory: The Transmission of Epic Poetry and Plainchant”, in: MQ 60 (1974), 333–372.
  • –  (1975): “‘Centonate’ Chant: Übles Flickwerk or E pluribus unus? , in: JAMS 28 (1975), 1–23.
  • – (2003): With Voice and Pen. Coming to Know Medieval Song and How it Was Made, Oxford 2003.